Berlin 2015

Julia, die in der Nachbarwohnung festsitzt, kein fließendes Wasser, kaum Strom und nur seltsame Nahrung hat, möchte einen normalen Tagesablauf aus unserer Beziehung erzählen, wie wir ihn im Sommer 2015 erlebt haben. Ich schreibe ihr Diktat „über den Kopf“ auf.

Es klingt ein wenig absurd, aber im Sommer 2015 war ich bei Sigi in Berlin, während er eine Familie mit zwei Kindern, eine anstrengende Arbeit als selbständiger Autor und den Arbeitskreis NSU am Arsch hatte. Ich sollte eigentlich unschuldig wegen Betrug und Körperverletzung vier Jahre in Wien einsitzen, wurde aber vom BVT zur Erkundung des Mayr Sigi konspirativ entlassen und in seiner Nachbarwohnung installiert. Die Haftstrafen kassierte ich, weil ich mit Sigi im Bett war und er in Österreich nicht der Beliebtesten einer ist.

Beginnen wir bei null Uhr. Ich schnappe mir seinen Wohnungsschlüssel, gehe in seine Schreibwohnung (er wohnte nicht mehr bei seiner Familie, versorgte sie aber) und schlafe mit ihm. Zuvor hat er fast zwei Liter Wein getrunken und zwei große Portionen „knusprige Ente“ vom Lieferservice gegessen, um Einsamkeit vorzutäuschen. Die Kriminalpolizei hat ihm den Briefkasten aufgerissen, er hat ein wenig Atemnot, weil er sein künstliches Übergewicht hasst. Er macht blöde Bemerkungen über jüngere Männer, mit denen ich im Bett war und über misslungene SM-Pornos für die Miete. Er lacht mich in peinlicher Weise für meinen Beruf als Domina aus.

Nachts sprechen wir darüber, dass ich regelmäßig und kräftig massiert werden will, mir einen neuen Kimono wünsche und mit den Kindern auf Urlaub fahren will, ohne die Scheiß Ehefrau. Ich lasse mir die Füße massieren und gehe zurück in die Nachbarwohnung.

Sigi steht um 7 Uhr auf, ich höre seinen Wecker durch die Wand. Schnell duscht er sich und zieht sich an, trinkt einen Kaffee und fährt mit seinen widerlichen kurzen Hosen und im unvermeidlichen schwarzen T-Shirt zur Familienwohnung, wo er mit der behinderten Tochter Medikamente inhaliert, den beiden Kindern liebevoll Frühstück (ich bestehe auf vernünftiges Gemüse, alles einzeln in Frischhaltefolie usw.) in die typischen Berliner Plastikboxen richtet und sie durch den Stau zur Schule fährt. Am Schulweg der Kinder gibt es Probleme, weil die Antifa („der politische Gegner“) – um Sigis Freund Hajo Funke zu schockieren – regelmäßig Autos vor seinem Büro in der Ihnestraße anzündet und die Schule nur 50 Meter entfernt ist.

Als Bildschirmschoner hat Sigi Katy Perry „installiert“, die uns immer wieder mal besucht. Journalisten reißen doofe Witze darüber und die Nachbarn drehen durch. Olli ist in Katy verliebt, weil sie so witzig die Augen rollen kann. Auch Renate kommt nächste Woche, was lästig ist, weil sie sich aus Eifersucht gern über mich und meine „verklemmte Art“ lustig macht. Dabei hat sie zuhaus einen peinlichen Scheiß Bauernhof und sitzt dauernd wegen Zuhälterei und irgendwelchen Gewaltdelikten im Halleiner Frauenknast.

Sigis damalige doofe Ehefrau ließ sich für Sex bezahlen. Da Sigi eine Tarnung brauchte und die Kinder sehr gern hatte, musste er „Schönwetter“ machen. Die Alte spielte sich als ich auf; sie machte ihre Haare wie ich, trug ähnliche Klamotten, pflegte ihre (kleinen, hässlichen) Titten und versuchte, eine Art künstliche Julia zu geben. Am Vormittag muss Sigi daher, um ihr wenigstens kurz mit (gutem) Orgasmus die Ohren langziehen zu können, mit ihr in „unseren“ Unterwäscheladen in der Bleibtreustraße und um 500 Euro BHs kaufen plus Slips.

Außerdem hat er was mit einer „Psychologin“ in der Nähe. Deren Mann ist stinksauer, weil Sigi bei der (feschen, „brunzgeilen Tussi“ so nennt er sie) Frau vor aller Augen, unter Tags, nach dem Unterwäschekauf mit der „Ehefrau“, aufschlägt und sich dort Kaffee servieren lässt. Sogar die „westdeutschen“ Eltern hat sie ihm schon „vorgestellt“, das peinliche Treffen hat mir seine Tochter verraten. Dass die Fuffi vom Verfassungsschutz ist, interessiert ihn nicht. Ihr Mann ist bald so sauer, dass er eine Villa am Schlachtensee als Ausgleich verlangt.

Zu Mittag ist das erledigt, und er trifft – 115 Kilo – nach einem kurzen Fick wieder in der Schreibwohnung ein. Ich bin ziemlich sauer, weil wir uns sehr lieben. Da klingelt das Telefon, und Sigi muss seinen Sohn Olli aus der Schule abholen, ihm ist „schlecht geworden“. Olli will einfach zu mir und hasst die Schule, ich sitze schon auf der Couch, wenn die beiden heimkommen. Es ist 14 Uhr, Sigi macht parallel Eintragungen und Telefonate für den Arbeitskreis NSU. Olli fragt mich immer, ob ich nicht endlich den Papi heirate. Die doofe Ehefrau ruft an; der halbe Staatsschutz der BRD lacht sich schief, weil Sigi der Frau am Telefon – mich halbnackt am Schoß – „ewige Liebe“ schwört. Es ist mir vor den Beamten peinlich, genauso wie seine „Termine“ bei irgendwelchen hübschen zwanzigjährigen Sprachheillehrerinnen, die er mit Olli „konsequent“ aufsucht, um sie später heimlich zu vögeln, „Therapieerfolge“ zu erzielen, wie er sagt. Heute ist sie in „Indien“, also in der OP. Im Team ist sie nicht mehr. Sogar die Scheiß Ehefrau sagte: „Oliver braucht das nicht.“ Olli machte sich auch darüber lustig.

Während ich mit Olli lese schreibt Sigi zwischen 14 und 17 Uhr 15 Seiten als Autor. Die Texte sind so kompliziert, dass er mir nicht einmal die Quellen erklären kann. Um 17 Uhr fährt Sigi mit Olli einkaufen und bereitet dann drüben das Abendessen für die Familie vor. Ich fühle mich sehr allein. Es gibt Wiener Schnitzel mit Pommes, Petersilienkartoffeln und eine kleine Portion Nudeln mit selbstgemachter Soße für die Tochter. Ich esse Brot und Avocado und mache mir in Sigis Küche ohne Licht einen Salat. Die Kinder werden gebadet, für die Nacht fertig gemacht, im Pyjama macht Sigi mit ihnen die Hausaufgaben. Wenn die Kinder im Bett sind, zieht er noch schnell der „Ehefrau“ mit (gutem, kräftigem) Orgasmus die Ohren lang und fährt dann zu mir.

Das gilt als „zum Hoffmann fahren“, weil er zur Tarnung, während ich am Abend bei ihm bin und wir kuscheln, stundenlang mit seinem Freund Karl Heinz Hoffmann telefoniert. Wenn Sigi (der das Gefühlskostüm eines Hamburger Zuhälters aufweist) seinen Text für den Brotberuf fertig hat, den Artikel für den Oktoberfestblog publiziert und das Telefonat mit dem Sohn hinter sich hat, küssen wir uns. Wir lieben uns sehr; es ist August 2015, ich gehe zurück in die Nachbarwohnung und setze mich an die Überwachungsanlage. Der Staatsschutz bereitet eine Hausdurchsuchung vor.

Julia Präauer

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